Tafel 10
Textversion der Tafel:
Kohns einzigartige Sammlung gedruckter und verbotener Literatur
Bewahrer der verbotenen Worte: Das Erbe der Exilliteratur
Die Sammlung Hein Kohn: Rettung vor dem Vergessen
Schon bei seiner Flucht 1933 erkannte Hein Kohn die Notwendigkeit das von den Nationalsozialisten verfemte Schrifttum für die Nachweit zu sichern. Unter größten Gefohren rettete er seine stetig wachsende Sammlung über die Jahre der Besatzung und des Krieges hinweg. Zwischen 1933 und 1952 trug er eine einzigartige Bibliothek zusammen, 1962 erwarb die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn einen Teil der vorwiegend aus Exilliteratur bestehenden Sammlung.
Die über 600 Bände umfassende Sammlung enthält: Ausgaben der Exilverlage Querido und Allert de Lange und des StockholmerBermann-Fischer Verlages Ausgaben der in die Schweiz exilierten Büchergilde Gutenberg Ausgaben der bekannten Exilzeitschriften: Die Sammlung, Das Wort, Das neueTage-Buch, Die neue Weltbühne.
Buchprojekte der 1960er und 1970er Jahren - Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem Exil
Nach Abschluss seiner Sammeltätigkeit setzte Kohn die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in anderer Form fort.
1960er Jahre - Kooperation mit Zürich
Kohns Zusammenarbeit mit dem Zürcher Antiquar Theo Pinkus (1909-1991) zeigt wie international Kohn agierte. Gemeinsam machten sie die einst verbotene Literatur wieder einer breiten Öffentlichkeit in Form von Faksimileausgaben und Zeitschriftennachdrucken zugänglich.
Die Ausgaben erschienen in der Schweiz im Limmat Verlag und in den Niederlanden bei De Boekenvriend:
1966: Die Lebenden (1923-1931), literarische Flugblätter, hg. v. Ludwig Kunz.
1967: Neue Jugend (1916-1917), hg. von Wieland Herzfelde und Der Ziegelbrenner (1917-1921), hg. v. Max Schmid.
1969: Eine elfbändige Gesamtausgabe der Zeitschrift Das Wort (hg von Brecht,Feuchtwanger und Bredel).
1970er Jahre - „Führer sehen dich an“ - „Die Bibliothek der verbrannten Bücher"
„Führer sehen dich an“
Über 40 Jahre nach dem SA Überfall auf die Hamburger Heinrich-Heine Hamburger Buchhandlung greift Hein Kohn das Thema wieder auf. 1973 veröffentlicht er das Buch „Führer sehen dich an“. Es enthält Sonette von Martin Beheim Schwarzenbach, die dieser während seiner Emigration geschrieben hat. Die Illustrationen stammen von Kohns Freund, dem Künstler Richard Ziegler und stehen in Bezug zu John Heartfields Fotomontage „Tiere sehen dich an“. Kohn hatte sie 1929 in der Hamburger Heinrich-Heine Buchhandlung ausgestellt. Das Thema bewegt Kohn noch immer. Der Titel erscheint als einziger im Selva Verlag in Hilversum und Selva, wo der Künstler Richard Ziegler auf Mallorca lebt.
Die Reihe „Bibliothek der verbrannten Bücher"
Mitte der 1970er Jahre startet Kohn ein letztes großes Projekt im Hamburger Konkret Literatur Verlag. Gemeinsam mit Werner Schartel will er „vergessen gemachten Werke“ antifaschistischer deutscher Emigranten wieder zugänglich machen. Die Wiederveröffentlichungen von Autoren, die Regimegegner und Exilschriftsteller waren sind für Kohn von großer Bedeutung:
„1945 war nicht das Ende. Ungebrochen und längst wieder schamlos hat der nationalsozialistische Führungsnachwuchs von damals die Führung übernommen in vielen Bereichen der Politik, Wirtschaft, Publizistik. Unverändert blieben in diesem Lande die Verhältnisse, die den Faschismus gebaren, unverändert auch wesentliche Elemente seiner Ideologie. Nicht 1945 wurde ein Bruch vollzogen, sondern 12 Jahre früher. Was damals von nationalsozialistischen Schergen zerstört, verbrannt, vertrieben wurde, blieb ausgelöscht bis in unsere Tage.“ (Konkret Magazin, Herbst 1978)
1978 erscheinen die ersten Bücher der Reihe: Ein Mensch fällt aus Deutschland, ein autobiografischer Bericht von Konrad Merz (1908-1999) und Der Kaiser ging, die Generäle blieben, ein Roman von Theodor Plivier (1892-1955).
„Ein Mensch fällt aus Deutschland“ - Das Trauma der Heimatlosigkeit
Der Tagebuchroman von Konrad Merz beschreibt eindringlich das Schicksal eines Emigranten der mittellos nach Holland kommt:
Das, was Konrad Merz seinen Protagonisten Winter sagen lässt, hat wohl für alle Geflüchteten gegolten: „Goeden morgen. Ich bin aus Duitsland gestürzt, ik vraag excuus, mevrouw en mijnheer, aber, maar, ich habe Auftrag, weiter zu leben. Darf ich das bei U verrichten?“
Der Verlust der Heimat, die nur noch als Problem existierte, und die Scham als „Moffen“ beschimpft zu werden, verfolgte die „Exilierten“ bis in Alter.
Der Protagonist Winter stellt fest: „Die Krankheit Deutschland tut mir mehr weh als mein Bein. Und wenn ich mit dem Kopf unter der Bettdecke bin, dann beginne ich mich zu schämen: Deutschland, das klingt denen schon wie Spucknapf. »Moffen« nennen sie uns hier; wenn ich dieses Wort höre, kommt mir immer das Essen hoch.“




