Tafel 11
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Verlagsleiter und Literaturagent
1951: Gründung der Agentur Internationaal Literatuur Bureau B.V.
„Ich habe es nie bereut literarischer Agent geworden zu sein. Dieser Beruf verlangt literarischen Spürsinn und Diplomatie. Man kann immer wieder neue Entdeckungen machen und man steht stets mitten im literarischen Leben. Oft erwachsen aus dem Vertrauensverhältnis zwischen Agenten, Verlegern und Autoren feste persönliche Freundschaften.“ (Hein Kohn, 1972)
Brückenbauer der Nachkriegszeit: Der Aufstieg zum Literaturagenten
Pionierarbeit bei Van Ditmar (1946–1951)
1946 übernimmt Hein Kohn die Leitung des Amsterdamer Verlagshauses van Ditmar. Sein Gespür für Bestseller beweist er mit einem riskanten Projekt: 1951 veröffentlicht er die niederländische Ausgabe von C.W. Cerams Archäologie Klassiker: „Götter, Gräber und Gelehrte“. Spannend wie ein Krimi schilderte der 1949 in Deutschland erschienene Bestseller die Geschichte der Archäologie und begründete das populäre Sachbuch. Trotz der tiefen Ressentiments gegenüber Deutschland nach 5 Jahren NS-Okkupation wird die niederländische Ausgabe „Goden, Graven en Geleerden“ ein sensationeller Erfolg und markiert den Beginn von Kohns Karriere als Literaturagent.
Der Durchbruch mit Hans Hellmut Kirst
Auf der Frankfurter Buchmesse bittet der Münchner Verleger Kurt Desch Kohn um Vertretung seines Verlages in den Niederlanden. Gemeinsam planen sie ein weiteres Experiment: Die niederländische Veröffentlichung von Hans Hellmut Kirsts Roman „Wir nannten ihn Galgenstrick“ (1950). Kirst, der eine NS-Offiziersvergangenheit hat, schilderte wie ein aus Russland zurückkehrender Soldat während des Zweiten Weltkrieges geheime Machenschaften und Verrat aufdeckt. Der Verleger Anne Beumer (De Boekerij) wagt die Veröffentlichung. Unerwartet wird Kirsts Buch in den Niederlanden ein Bestseller. Auch weitere Bücher von Kirst erleben hier sensationelle Erfolge und machen den niederländischen Verlag groß. Große deutsche Verlagshäuser, wie Piper und Rowohlt, kommen jetzt auf Hein Kohn zu. Seine Agententätigkeit nimmt überhand.
1951: Gründung des „Internationaal Literatuur Bureau B.V.“ (ILB)
1951 macht sich Kohn in Hilversum selbstständig. Das Logo seiner Agentur entwirft der Augsburger Grafiker Eugen Nerdinger (1910-1991). Kohns Agentur wird zur zentralen Schnittstelle zwischen der deutschen und niederländischen Literaturwelt. Kohn gewinnt schnell namhafte Verlage als Klienten: Bertelsmann, Droemer-Knaur, S. Fischer, Hanser, Insel, Luchterhand, Piper, Rowohlt, Suhrkamp, Ullstein und Zsolnay.
Ein „Riese“ unter den Literaturagenten
„Er war seit der Gründung des Internationaal Literatuur Bureau (1951) ein bescheidener, aber unverkennbar anwesender Riese unter den Literaturagenten und spielte eine Schlüsselrolle bei der Übersetzung deutscher Bücher. Kohn (…) regelte die Rechte zwischen deutschen und niederländischen Verlagen. Sein Geheimnis war, dass er das sachliche Verhandeln mühelos mit literarischer Kenntnis und literatur-historischem Handwerkszeug vereinen konnte.“ (Martin Ros)
Vermittlung in zwei Richtungen
Das niederländische Lesepublikum lernt durch Kohns Vermittlungsarbeit Autoren kennen, die das literarische Bild der Nachkriegszeit prägen: Heinrich Böll, Rolf Hochhuth, Heinz G. Konsalik und Johannes Mario Simmel. Während deutsche Literatur in Holland schnell Fuß fasst, ist der Weg niederländischer Literatur nach Deutschland etwas schwieriger. In den 1950er und 1960ern meidet das deutsche Publikum Schilderungen der NS-Okkupation. Erst in den 1970ern gelingt Kohn mit Jan Wolkers der Durchbruch für niederländische Literatur auf dem deutschen Markt.
Vermittlung von Weltliteratur zwischen Ost und West und Kinderbuchklassikern
In den 1950er Jahren treibt Hein Kohn die Internationalisierung seiner Agentur voran. Er will Brücken zwischen den Blöcken des Kalten Krieges schlagen und Weltliteratur auf neuen Märkten etablieren.
Engagement für politisch reglementierte Autoren
Spektakulärer Erfolg mit Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“
Mit dem Ziel, auch politisch reglementierten Autoren aus Osteuropa Veröffentlichungs-chancen zu geben, vermittelt Kohn erfolgreich die niederländischen Übersetzungsrechte für Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“. 1959 wird Pasternaks Werk vom Verlag A.W. Bruna &Zoon in Utrecht veröffentlicht.
Beispiel Brecht
Kohn bleibt mit Brecht bis zu dessen Tod im Jahr 1956 verbunden. Nach 1945 besucht er ihn regelmässig in Ost-Berlin. Kohn sichert Brechts Popularität in den Niederlanden. Werke von Brecht erscheinen in verschiedenen Verlagen: bei J. M. Meulenhoff, De Bezige Bij, De Arbeiderspers und Uigeverij Sun. Dokumente aus Kohns Archiv, bezeugen das Vertrauensverhältnis der beiden Männer. Darunter sind auch Briefe von Brecht vom 8. März 1956, die Kohn berechtigen sich über Rechte an Grammophonplatten mit Brechts Texten zu informieren, diese Rechte zu vertreten und Verträge für neue Platten vorzubereiten.
„Pippi Langstrumpf“, „Das doppelte Lottchen“, „Emil und die Detektive“
Kohn engagiert sich auch in der Kinder- und Jugendliteratur. Er führt Kinderbuchklassiker und international bekannte Kinderbuchautoren in den niederländischen Markt ein. Die befreundete schwedische Autorin Astrid Lindgren wird mit „Pippi Langstrumpf“ und weiteren Werken zum Dauerbrenner. Auch James Krüss, Michael Ende und Kohns Favorit Erich Kästner (Pünktchen und Anton, Das doppelte Lottchen, Emil und die Detektive) verdanken ihm den bis heute währenden Erfolg ihrer Werke in den Niederlanden. Kohn verhilft aber auch niederländischen Stimmen zum Erfolg in Deutschland: An Rutgers van der Loeff gewinnt zweimal den Deutschen Jugendliteraturpreis (1957 und 1977). Kohns Arbeit prägt maßgeblich den kulturellen Austausch: Er etabliert internationale Kinderbuchklassiker auf neuen Märkten.
Kohns Beitrag zum europäischen Buchmarkt der 1960er Jahre
In den 1960er Jahren spielt Kohn eine wichtige Rolle im internationalen europäischen Buchgeschäft. Kohn vermittelt deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts, an niederländische Verlage, darunter Hermann Hesse, Max Frisch, Thomas und Heinrich Mann, Günter Grass und Martin Walser.
1967 ist Kohn Mitbegründer der international ausgerichteten Buchgemeinschaft ECI, ein Bertelsmann-Ableger. Er gewinnt niederländische Verlage für eine Zusammenarbeit. Kohn kooperiert auch mit der Zürcher Agentur Ruth Liepmann und der Agence Hoffmann (Paris/München). Dies ermöglicht die Vermittlung bedeutender Werke, in die Niederlande, wie die Übersetzungsrechte für Henry Miller.




