Tafel 2
Textversion der Tafel:
Söhne und Nachkommen
von Samuel Kohn im Textilhandel in Augsburg bis 1938
Nach dem Tod des Firmengründers Samuel Kohn († 1879) entwickeln seine Söhne das textile Erbe in verschiedenen Zweigen weiter:
Heinrich Kohn: Fortführung des väterlichen Unternehmens
Heinrich (1841-1912) übernimmt das 1837 von Samuel Kohn gegründete Unternehmen seines Vaters. Es firmiert nun unter Heinrich Kohn, Augsburg, Tuche und Bukskins en gros. Gegründet 1837.
Standorte: Bis 1912 im Riedingerhaus (Karolinenstraße), danach im Allianzhaus(Grottenau).
Nachfolge: Nach Heinrichs Tod 1912 führt sein Sohn Karl Kohn das Unternehmenfort, das bis mindestens 1929 als bedeutende Tuchgroßhandlung unter dem Namendes Vaters firmiert.
Siegfried Kohn: Die eigene Großhandlung
Siegfried (1847–1932) schlägt eigene Wege ein und gründet die Tuchhandlung en gros S. Kohn. Sitz: Das Geschäftslokal befindet sich zu dieser Zeit in der Bahnhofstraße 7.Rechnungsbelege aus dem Jahr 1896 im Wirtschaftsarchiv München bezeugendie frühe Aktivität des Unternehmens.
Eugen Kohn: Weitreisender Handelsagent
Der jüngste Sohn Eugen (1859–1909) wirkt als kaufmännischer Vertreter und Agent – auch für die Familienbetriebe. Leben: Er ist international vernetzt und lebt mit seiner Frau Hermine und den Söhnen Ernst und Heinz in der Kaiserstraße. Nachlass: Eugen verstirbt 1909 überraschend auf einer Geschäftsreise in Frankfurt. Sein Testament belegt ein beachtliches Vermögen an Wertpapieren und Aktien.
Die bayerische Textilindustrie: Aufstieg und Niedergang
Bis 1914 erlebt die bayerische Textilbranche eine starke Wachstumsphase. Der Erste Weltkrieg und der anschließende Rohstoffmangel markieren jedoch einen tiefen Einschnitt. Trotz einer kurzen Erholung durch die Währungsreform (1923) und den Dawes-Plan (1924) gerät die Branche ab 1933 unter massiven Druck.
Die NS-Wirtschaftspolitik priorisiert die Rüstungsindustrie und schwächt die Textilbranche durch: Beschränkungen der Rohstoffimporte (Baumwolle/Wolle). Preisfestsetzungen und Investitionsverbote.
Die systematische „Arisierung“ jüdischer Unternehmen: In Augsburg trift dies renommierte Firmen wie M.S. Landauer, Kahn & Arnold und das Traditionshaus Heinrich Kohn.
1938/1839: „Arisierung“ der Firma Heinrich Kohn, Tuchgrosshandlung, Augsburg, Allianzhaus, Grottenau. Gegründet 1837
Trotz der politischen Repression kann die 1837 gegründete Firma 1937 noch ihr 100-jähriges Jubiläum im Allianzhaus (Grottenau) feiern. Zu diesem Zeitpunkt führen Karl Kohn und sein Teilhaber Walter E. Katz ein international vernetztes Unternehmen: Umsatz (1937): Rund 671.000 Reichsmark. Belegschaft: 15 Mitarbeiter (Angestellte, Arbeiter und Reisende). Markt: Weltweiter Handel mit Exporten nach Österreich, Griechenland und Zypern sowieImporten aus England.
Die „Arisierung“ und Liquidation
Die systematische Zerschlagung beginnt im Juni 1938. Ein Fragebogen der IHK Augsburg dokumentiert die rassistische Erfassung: Auf die Frage nach „nichtarischer Leitung“ müssen beide Inhaber mit „Ja“ antworten. Juni 1938: Die IHK meldet die „Verkaufsabsicht“ (erzwungene Arisierung) an die Devisenstelle. Dezember 1939: Die Firma Heinrich Kohn wird endgültig aus dem Handelsregister gelöscht. Flucht: Karl Kohn und Walter E. Katz gelingt die Emigration in die USA.
Aufarbeitung nach 1945
Erst im Jahr 1959 erfolgt auf Anfrage des Landesentschädigungsamtes eine juristische Aufarbeitung. Die IHK Augsburg bestätigt dabei offiziell die durch die Nationalsozialisten erzwungene Liquidation des einstigen Vorzeigeunternehmens.
Vom 1. Juli 1938 ist ein ausgefüllter Fragebogen überliefert, den die Industrie- und Handelskammer Augsburg damals der Firma Heinrich Kohn, Tuchgrosshandlung zum Ausfüllen für ihr Firmenarchiv schickt. Aus diesem erfährt man Folgendes über das Unternehmen:
Inhaber waren Carl Kohn, geb. 13.3.1876 in Augsburg (1929 wohnte er in der Schaezlerstraße 13/II) und Walter E. Katz, geb. 15.5.1893 in Frankfurt Der Mitarbeiter Katz war am 1. Januar 1931 als Teilhaber in die Firma Kohn aufgenommen worden Betriebsführer war Walter E. Katz., Stellvertreter war Carl Kohn Vertretungen der Firma im Ausland bestanden damals inÖsterreich (Oswald Purkowitzer/Wien Dostojewskigasse) und in Griechenland (John Catsounotos Nicosia P.O.B. 186) Auch nach Jugoslawien und Ungarn bestand Ausfuhrinteresse 1937 hatte die Firma keine eigene Verarbeitung Zum Weiterverkauf führte die Firma Tuche aus England ein Die Firma führte Herren- und Damenstoffe nach Zypern aus Der gesamte Ausfuhrumsatz bestand aus außereuropäischem Umsatz. 1937 betrug der Ausfuhrumsatz 5.500 Reichsmark Auf die Frage „Sind in der Leitung des Unternehmens Nichtarier tätig?“ antwortete man mit: „Ja, beide Inhaber“ 1937 betrug der Umsatz der Firma in runden Zahlen: 671.000 Reichsmark Die Bruttolohnsumme für Angestellte und Arbeiter betrug 49.651,57 Reichsmark Das Unternehmen hatte zum Zeitpunkt der Befragung 5Angestellte, 4 Arbeiter, 1 Handelsvertreter für das Auslandund 5 Handelsreisende Das Absatzgebiet der Waren lag zu 80 Prozent außerhalb der 100 km Grenze.




