Tafel 3

Textversion der Tafel:

Hein KohnKindheit und Jugend - Schulzeit in Augsburg und Thüringen

Hein Kohn (1907–1979): Kindheit und Jugend in Augsburg

Herkunft und familiäres Umfeld

Heinz „Hein“ Kohn wird am 25. März 1907 in der Kaiserstraße 23 in Augsburg geboren. Sein Vater, der Textilkaufmann Eugen Kohn, verstarb bereits 1909, hinterließ der Familie jedoch ein beträchtliches Vermögen. Die Familie Kohn ist tief im Augsburger Bürgertum verwurzelt, lebt liberal und versteht sich als schwäbisch-bayerisch, ohne jüdische Gebräuche zu praktizieren.

Sein älterer Bruder Ernst (1901–1978), der später als Soziologe Ernst Kohn-Bramstedt bekannt wird, erinnert sich an die gemeinsame Zeit als eine Phase großer Geborgenheit: „Ich glaube, wir beide denken gern an unsere Jugend in Augsburg zurück. Die Stadt hatte damals weder die pomadige Enge einer Kleinstadt noch den leeren Rummel einer echten Großstadt. In der Kaiserstraße gab es keine Hast und die Wälder in der Umgebung lockten zu Spaziergängen oder größeren Tagestouren. Hein war als Junge ein liebenswürdiger Träumer, der sich langsam entwickelte, aber bald bei vielen Leuten sehr beliebt war.“

Ein Moment der Zeitgeschichte: Das Atelier Siemssen

Ein besonderes Dokument dieser Kindheit ist eine Fotografie aus dem Jahr 1915. Sie zeigt den achtjährigen Hein und den dreizehnjährigen Ernst im renommierten „Atelier für moderne Kunstfotografie“ von Hans Siemssen (Bahnhofstraße 10a), dem ersten Jugendstil-Gebäude Augsburgs.

Der Aufbruch: Von der Handelsschule nach Wickersdorf

Nach dem Besuch der Augsburger Handelsschule (1913–1920) folgt eine entscheidende Wende. Auf Vermittlung seines Bruders wechselt Hein in das Landerziehungsheim Freie Schulgemeinde Wickersdorf in Thüringen.

Hein Kohn in Wickersdorf 1920-1923

Wickersdorf ist damals ein Ort beispielloser Freiheit und ein pädagogisches Pilotprojekt. In der „Schulgemeinde“ sind Lehrer und Schüler mit gleichem Stimmrecht an allen Entscheidungen beteiligt. Hier begegnet Hein Kohn prägenden Persönlichkeiten wie dem Schulleiter Dr. Gustav Wyneken und seinem Deutschlehrer Peter Suhrkamp, dem späteren Gründer des weltberühmten Suhrkamp Verlags.

Sein Bruder Ernst beschreibt diese prägende Zeit so:
„Ich erinnere mich noch an meine Unterredung mit dem Direktor, dem berühmten Dr. Wyneken. Er war Hegelianer und Freigeist und begünstigte die Jugendbewegung. Es gab viele vorzügliche Lehrer in dieser Schulgemeinde, darunter Martin Luserke und Peter Suhrkamp der spätere Begründer des Suhrkamp Verlags. Künstler und Schauspieler besuchten Wickersdorf, dort herrschte ein fortschrittlicher und aufgeschlossener Geist. Dort entwickelte Hein seine musischen Neigungen, dort wurde er eine Art von „Wilhelm Meister“ im 20. Jahrhundert.“

Das Fundament für die Zukunft

In Wickersdorf entwickelt Hein Kohn jenen Sinn für Demokratie, Gerechtigkeit und die Liebe zur Literatur, die ihn später im Exil auszeichnen sollten. Mit der Mittleren Reife (1923) verlässt er das Heim, geprägt durch einen Geist der Aufgeschlossenheit, der in krassem Gegensatz zu den späteren politischen Entwicklungen in Deutschland stehen sollte. Nach seiner Flucht in die Niederlande im Jahr 1933 legt er den Vornamen Heinz ab und nennt sich fortan nur noch Hein Kohn.

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Originalobjekt:

Ernst und Hein Kohn im
Fotoatelier Siemssen. 1915.
(Privatarchiv Menno Kohn,
Hilversum)