Tafel 4

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Ausbildung in Augsburg und Leipzig: Zuerst Tücher - und dann endlich: Bücher

„Waren Sie schon immer im Buchhandel tätig?“ - „Nein, ursprünglich in der Textilbranche. Mein Widerstand gegen die Aufnahme in diese Branche war nach zwei, drei Jahren erfolgreich. Anschließend arbeitete ich in einer Buchhandlung in Augsburg. Bert Brecht war dort einer meiner Kunden.“ (Hein Kohn im Interview mit Walter Zadek, 1971)

Lehrjahre in Augsburg: Vom Textilhandel zur Literatur Erst Knöpfe, dann Bücher und Brecht

Nach seiner Rückkehr nach Augsburg 1923 beginnt Hein Kohn eine Lehre im Großhandel für Schneiderartikel bei Albert Dann (Inhaber: Gebrüder Heymann), der im Vorstand der jüdischen Gemeinde engagiert ist. Doch sein Herz gehört nicht den Stoffen, sondern der Welt der Nachrichten und Ideen. Heimlich liest er auf dem Weg vom Postamt die Frankfurter Zeitung seines Chefs – bis dieser ihn am Hauptbahnhof „in flagranti“ ertappt und entlässt.

Wie ein Fisch im Wasser: Die Buchhandlung Lampart

Am 15. Februar 1925 folgt die entscheidende Wende: Kohn beginnt eine Lehre in der renommierten Verlagsbuchhandlung Lampart & Comp. in der Annastraße D 260. Hier findet er seine wahre Bestimmung. Inmitten von Büchern knüpft er Freundschaften, die sein gesamtes späteres Leben im Exil bestimmen sollten.

„In der Lampartschen Buchhandlung haben wir uns kennengelernt. (…) Die Flamme, an der sich unsere Geister entzündeten, waren geprägt von den Ideen einer besseren, humaneren Gesellschaft.“ (Paul Baumgärtner, 1972)

Schicksalhafte Begegnungen

In der Buchhandlung lernt Hein Kohn Bertolt Brecht kennen, einen der „lesehungrigsten Stammkunden“

„Samstags holte er sich die Bücher und montags brachte er sie zurück", erinnerte sich Kohn später.

Brecht sei damals, 1924/25, ganz scharf auf Kriminal- romane, insbesondere chinesische oder solche mit chinesischem Hintergrund, gewesen. Mit Chef Lampart habe Brecht eine Leidenschaft für Autorennen verbunden. (Hein Kohn über Brecht, Interview mit Walter Zadek, 1971)
Die Verbindung zwischen Kohn und Brecht bleibt ein Leben lang bestehen.

Paul Baumgärtner: Weggefährte und späterer Lebensretter

Bei Lampart lernt Kohn auch Paul Baumgärtner kennen, der ein Freund und gleichgesinnter, enger Vertrauter wird. Gemeinsam engagieren sie sich für humanistische Ideale, bis der Nationalsozialismus ihr Leben radikal verändert.

„War es ein vergebliches Bemühen? Das Unheil des Nazismus begann und Erinnerungen, die ihren Stachel tief in unsere Seelen drückten, ließen uns an einem Gotte zweifeln, der ein müßiger Zuschauer der scheußlichsten Verbrechen war.“ (Paul Baumgärtner, 1972) Im Jahr 1933 ist es Baumgärtner, der Hein Kohn aktiv bei der Flucht in die Niederlande unterstützt.

Die große Liebe in Augsburg

Inmitten seiner Lehrzeit begegnet Hein Kohn in einem Jugendclub der Augsburgerin Rosel Sirch. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Obwohl Rosel katholisch ist und Hein aus einer jüdischen Familie stammt, wird diese Verbindung alle Stürme der Zeit überdauern – viele Jahre später wird sie seine Ehefrau.

Bücher und Politik: Der Weg nach Leipzig

Kohns Talent bei Lampart & Comp. ist so außergewöhnlich, dass ihm das dritte Lehrjahr erlassen wird, auch deswegen, weil Kohn in Leipzig auf der Buchhändler-anstalt seine Ausbildung fortsetzen möchte. Hier absolviert er von Ostern 1927 bis Ostern 1928 den „Einjährigen Fachkurs der Höheren Abteilung“. Sein Lehrzeugnis von Lampart von 1927 rühmt seine Fähigkeit, „anspruchsvolle Kundschaft“ zu beraten. Besonders seine Originalität sticht hervor: Um für einen Kriminalroman zu werben, setzte er sich kurzerhand als Verbrecher verkleidet selbst ins Schaufenster.

„Wir können Herrn Kohn unseren Herren Kollegen, welche Wert auf einen geistig regsamen und in einem modernen Ideenkreis aufgewachsenen Mitarbeiter legen, aufs wärmste empfehlen.“ (Zeugnis Lampart & Comp., März 1927)

Leipzig: Das Zentrum des Buchhandels (1927–1928)

Im Frühjahr 1927 zieht Kohn in die Buchstadt Leipzig, um sich an der „Höheren Abteilung“ der Buchhändler-Lehranstalt zu perfektionieren. Er lernt von den Besten der Branche, wie dem Verleger Julius Seidler und dem Experten für russische Literatur, Arthur Luther. Nebenbei arbeitet er in der Fachbuchhandlung Sauermann. Seine Abschlussarbeit verfasst Hein Kohn über den Schriftsteller Leonhard Frank (1882-1961), der ein bedeutender sozialkritischer und pazifistischer Schriftsteller des Expressionismus war. Er prangerte in seinen Werken „Der Mensch ist gut“ und „Die Ursache autoritäre Strukturen“ gesellschaftliche Ungerechtigkeiten an. Er war einer der prägendsten literarischen Chronisten der Weimarer Republik und des Exils.

Politisierung und die Leidenschaft zur Fotografie

In Leipzig findet Kohn seine politische Heimat im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAJ). Er ist kein stilles Mitglied: Er reist auf Tagungen und dokumentiert das Geschehen mit seiner Kamera. Ein besonderer Briefwechsel zeigt seinen Kontakt zum führenden Kopf der Sozialistischen Internationale, Dr. Friedrich Adler. Kohn hatte ihn in der Schweiz fotografiert:
„Vielleicht führt Sie das Schicksal wieder einmal vor meine Linse. (Wenn es auch nicht gerade ja nächstens in Brüssel sein kann). Mit sozialistischem Jugendgruß, Heinz Kohn“ (Brief an Friedrich Adler, 30. August 1927)

Adler war von den Aufnahmen so beeindruckt, dass er persönlich um Abzüge bat:
„Die Aufnahme ist so gut gelungen, dass ich von mehreren Seiten um Kopien gebeten wurde.“

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