Tafel 5
Textversion der Tafel:
Leipzig - Hamburg - BremerhavenLektor, Vertreter, Buchhändler, Journalist, Herausgeber, Verleger
Leipzig (1928): Im Dienst der Arbeiterbildung und des sozialistischen Buchhandels
Nach Abschluss seiner Ausbildung im März 1928 bleibt Kohn noch bis November 1928 in Leipzig. Er arbeitet für die Monatsschrift Kulturwille und auch als Vertreter und Lektor für die Büchergilde Gutenberg, als Jüngster im Lektorat und später im Außendienst. Hier lernt er das Handwerk von der Pike auf: vom Lektorat über die Herstellung bis zum Vertrieb. Sein Ziel: einfachen Leuten durch erschwingliche Bücher Zugang zu Bildung und Kultur zu ermöglichen.
Hamburg (1928–1930): Leitung der Heinrich-Heine-Buchhandlung
Zusammen mit seinem Freund Friedrich Oetinger übernimmt Kohn am 9. November 1928 die Leitung der Heinrich-Heine-Buchhandlung des Unternehmens Auer & Co. in Hamburg. Die beiden Buchhändler nutzen ihr Geschäft als politische Bühne. Besonders Kohns Leidenschaft für Schaufensterdekoration wird zum Werkzeug des Protests: Eklat im Sommer 1929: Zum Weltfriedenstag am 1. August dekorieren sie dasSchaufenster mit pazifistischen Plakaten und Kurt Tucholskys Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ (1929). Provokation: Sie präsentieren John Heartfields bekannte Fotomontage „Tieresehen dich an“, welche führende deutsche Generäle verspottet. Die Folge: Mitglieder der SA werfen daraufhin die Schaufensterscheiben derBuchhandlung ein.
Journalismus und die Frankfurter Zeitung
Neben dem Buchhandel arbeitet Kohn auch als Journalist. 1930 und 1931 schreibt er als Filmkritiker für die links-liberal ausgerichtete Zeitung Hamburger Echo und die renommierte Frankfurter Zeitung. In dieser Zeit knüpft er eine enge Freundschaft mit dem späteren Verleger Kurt Desch.
Privates Glück in stürmischen Zeiten
Kohn bestreitet diesen Weg nicht allein: Seine Jugendliebe Rosel Sirch begleitet ihn nach Hamburg, wo sie in einem Kinderheim arbeitet. Im Frühjahr 1930 heiraten beide in Bremen.
Bremerhaven (1930–1932): Die Weltwirtschaftskrise
Ab März 1930 leitet Kohn die Volksbuchhandlung in Bremerhaven. Doch der Erfolg wird durch die Zeitumstände gebremst: Die Weltwirtschaft befindet sich in einer tiefen Rezession, die auch für die von Kohn geführte Buchhandlung verheerende Folgen hat:
„Die Wirtschaftskrise hat zum massiven Rückgang des Umsatzes geführt, zwingt zum Personalabbau und möglicherweise zur kompletten Schließung der Buchhandlung.“ (Aus Kohns Arbeitszeugnis, September 1932)
Im Februar 1932 muss Kohn das Unternehmen verlassen – nur ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die sein Leben und das seiner Frau radikal verändern sollte.
1932/33: Widerstand, Terror und die Flucht ins Exil
Rückkehr nach Hamburg – Herausgabe der Broschüre: Liebesbriefe von Ernst Röhm (1932)
1932 kehrt Hein Kohn zur Heinrich-Heine-Buchhandlung nach Hamburg zurück. Hier ist er nun auch für Verlagstätigkeiten zuständig. Wenige Monate bevor die Nazis 1933 an die Macht kommen, verlegt Kohn eine Broschüre: „Liebesbriefe des Hauptmann Röhm“ mit homosexuellen Liebesbriefen des SA Stabschefs Ernst Röhm. Er hatte diese von einem „demokratischen Studienrat“ zur Herausgabe erhalten. Bis heute ist ungeklärt, ob die von Kohn verlegte Broschüre identisch war mit einer Schmähschrift, die 1932 in Berlin-Tempelhof von dem Publizisten und Hitlergegner Helmuth Klotz (1894-1943) herausgegeben wurde. Auch prominente Zeitgenossen berichten von der Herausgabe von Röhm-Briefen durch Kohn. Die Publikation ist als moralische Demontage der NS-Führung gedacht und wird ein Verkaufsschlager. Die Reaktion der Nationalsozialisten folgt prompt: Drohungen und eingeworfene Fensterscheiben markieren das Ende jeder Sicherheit. Kohn bezeichnete die Herausgabe dieser Broschüre zeitlebens als Auslöser für seine spätere Verfolgung.
Das Netz zieht sich zu
Nach der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 gerät Kohn, der jüdischer Herkunft ist, aktiver Sozialdemokrat und engagiertes Mitglied der Büchergilde Gutenberg ins Fadenkreuz des NS-Terrors.
„Wer Bücher macht, wird früher verfolgt als andere.“ (Rolf Hochhuth über Hein Kohn, 1979)
Rettung in letzter Minute
Im Mai 1933 wird der Verbleib von Kohn in Deutschland lebensgefährlich. Kohn kontaktiert seinen Augsburger Jugendfreund Paul Baumgärtner, der mittlerweile als Ingenieur in Hilversum (Niederlande) arbeitet. Die Rettung erfolgt telegraphisch: Baumgärtner bestätigt Kohn sofort eine fingierte Stelle bei der dortigen Signalgerätefabrik. Mit diesem Arbeits- nachweis erhält Kohn legal einen neuen Pass und eine Ausreisegenehmigung.
Abschied von der Heimat
5. Mai 1933: Nur fünf Tage vor den landesweiten Bücherverbrennungen verlässt Hein Kohn Deutschland.
Das Ende in Hamburg: Unmittelbar nach seiner Flucht verwüstet und beschlagnahmt dieSA die Heinrich-Heine-Buchhandlung.
Hein Kohn entkommt dem Terror physisch, doch sein gesamtes bisheriges Berufsleben liegt in Trümmern. In den Niederlanden muss er sich nun eine neue Existenz aufbauen und sich neu erfinden.




