Tafel 6

Textversion der Tafel:

EmigrationExil in den Niederlanden – Die erste Zeit

Die Niederlande - Ein Zentrum des Widerstandes

Seit 1933 gewinnen die Niederlande große Bedeutung als Exilort. Hein Kohn ist einer von etwa 50.000 Menschen, die zwischen 1933 und 1940 aus Deutschland in die Niederlande flüchten, darunter viele Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Dichter, Fotografen, Soziologen und Philosophen, die bald alle auch Einfluss auf die Kultur in den Niederlanden gewinnen. Doch auch für das politische Exil wird das Land wichtig. Schnell entwickelt es sich zu einem Drehkreuz illegaler Zusammenarbeit zwischen politischem Exil und innerdeutschem Widerstand.

Reise ins Ungewisse

Am 5. Mai 1933 fährt Hein Kohn mit einem „ganz kleinen Bähnchen" über die Grenze bei Nieuweschans in die Niederlande. In der Tasche hat er lediglich zehn Reichsmark. Sein restliches Vermögen, im Wert von 20 000 Reichsmark, bleibt in Deutschland blockiert. Zunächst findet er Unterschlupf bei seinem Freund Paul Baumgärtner in Hilversum. Seine Frau Rosel und sein Bruder Ernst folgen ihm wenig später nach. Während Ernst Kohn-Bramstedt im September 1933 weiter nach London emigriert, bleiben Hein Kohn und seine Frau in Hilversum.

Neuanfang im Exil - Erste Projekte

Arbeiterrundfunk VARA - Bekanntschaft mit Martien Beversluis (1894-1966)

Baumgärtner verknüpft Kohn mit dem Radioredakteur Martien Beversluis, der für den Arbeiterrundfunk VARA (Vereeniging Arbeiders Radio Amateurs) arbeitet. Dieser steht der Partei Sociaal-Democratischen Arbeiderspartij (SDAP) nahe. Beversluis verschafft Kohn bei VARA eine kleine Stelle als Lektor. Dies bietet Kohn nicht nur eine schmale Existenzgrundlage. Sie ermöglicht ihm auch, seinen Kampf und Widerstand gegen das NS-Regime fortzusetzen.

„Brennende Worte“ - Widerstand durch das Radio

Beversluis und Kohn entwickeln ein mutiges Projekt: „Brandende woorden uit Duitschland“ (Brennende Worte aus Deutschland). Sie planen die von den Nazis in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher und Texte, ihrer Hörerschaft auf niederländisch zu präsentieren. Kohn stellt Gedichte und Texte deutscher Autoren zusammen, darunter Oskar Maria Graf, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Brandende woorden wird zwischen Herbst 1933 und Frühjahr 1934 in zwei Teilen ausgestrahlt. In Kooperation mit Beversluis entstehen noch weitere Sendungen. Die von Beversluis übersetzten Texte, werden von niederländischen Sprechern präsentiert und mit Liedern des Sängers Ernst Busch verbunden.

Solidarität im Exil: Hein Kohn und Ernst Busch

Bei VARA trifft Kohn durch Beversluis auch auf den populären Sänger und Schauspieler Ernst Busch. Weil er von der SA verhaftet werden sollte, war auch er im März 1933 nach Hilversum geflüchtet und hatte beim Radiosender VARA Arbeit gefunden. Kohn und Busch, gründen ein Emigrantenkomitee, das denen helfen soll, die keine Hilfe von etablierten Flüchtlings-Fonds erhalten.
„Matteotti, Rote Hilfe, jüdisches Hilfskomitee, SAP-Leute, Trotzkisten und andere (…) Finanziell versuchten Kohn und Busch, die tragenden Säulen der Organisation, diesen mit Sammlungen und Bittgesuchen über die Runden zu helfen. Ernst Busch' Bekanntheit hielt sie aus dem Gröbsten heraus. Er bekam von Verehrern mancherlei zugesteckt.“ (Rolf Hochhuth, 1979)

Tournee durch die Niederlande für VARA

Bald begleitet Kohn den Sänger Ernst Busch mit einer kleinen Gruppe auf einer von der VARA finanzierten Tournee durch die Niederlande, die der Arbeiterrundfunk intern für seine Mitglieder veranstaltet. Diese startet am Silvesterabend 1933/34. An 24 Abenden trägt Busch Lieder vor, der holländische Pianist Herman Kruyt und die Sängerin und Tänzerin Chaja Goldstein begleiten ihn.

Brechts „Solidaritätslied" - Hymne des Widerstands

Zentraler Programmpunkt der Abende ist das von Ernst Busch gesungene berühmte Solidaritätslied von Bertolt Brecht aus dem Film Kuhle Wampe, wo Busch die Hauptrolle spielte. Kohn macht sich mit dem Verkauf des Solidaritätsliedes für den Emigrantenfonds nützlich, das Beversluis ins Niederländische übersetzt hat.
„Und ich hatte nichts anderes zu tun, als ein Lied, was wir druckten, das Solidaritätslied zu verkaufen, in der holländischen Sprache. Ernst Busch signierte es oft und der Reihenerlös wurde dann als Emigrantenhilfe abgetragen und es ergab große Summen.“ (Kohn, Interview mit Walter Zadek, 1971)

Weil die Veranstaltungen intern organisiert sind, sind die Künstler geschützt und müssen ihre Emigrantenidentität nicht verbergen.

Hier finden sie Zusatzinformationen zu der Tafel.