Tafel 7
Textversion der Tafel:
Hein Kohn - Der ExilVerleger
Verlagsgründung, Versandbuchhandel, Antiquariat (1934–1935)
‘Boekenvrienden Solidariteit’ - Widerstand mit Literatur
Verlagsgründung Die erfolgreiche Radiosendung „Brandende Woorden" weckt den Wunsch, die Texte dauerhaft auf niederländisch zugänglich zu machen. Im Herbst 1933 gründen Hein Kohn und Martien Beversluis daher gemeinsam den Verlag Boekenvrienden Solidariteit. Da Kohn als Ausländer kein Unternehmen ins Leben rufen darf, wird der Verlag offiziell auf den Namen von Nel Schuitemaker (Ehefrau des Redakteurs Beversluis) im Handelsregister eingetragen. Kohn agiert unter dem Pseudonym Hendrik van Kola.
Verlagsort
Kohn führt den Verlag zusammen mit dem Emigranten Rudolf Asch (Buchhaltung) und dem Volontär Menno Poldervaart (Verkaufskontakte) in Hilversum von einem Gartenhäuschen. Es gehört dem Drucker der ersten 23 Ausgaben von „Boekenvrienden Soldidariteit“ (Gebrüder Van den Berg).
Eine Bibliothek für das Volk
Der Name „Boekenvrienden Solidariteit" (Bücherfreunde Solidarität) ist Programm. Der Verlag ist als Buchgemeinschaft organisiert um die Ausgaben für ein breites Publikum erschwinglich zu machen. Spezielle Zielgruppe sind gebildete Arbeiter und Intellektuelle. Die Ausgaben sind insgesamt links, antifaschistisch und pazifistisch ausgerichtet. Sie sollen die Leserschaft in den Niederlanden und Belgien auch auf die Bedrohung durch die Nazis aufmerksam machen.
Erste Ausgabe: Brandende woorden uit Duitschland
Der erste Band, der im Herbst 1934 erscheint, enthält Gedichte von Becher, Graf, Kästner, Kerr, Mehring, Toller, Tucholsky und Weinert. Cover und Illustrationen stammen von dem Typografen Melle Oldeboerrigter (1908-1976) der später als surrealistischer Maler berühmt wird. Die Ausgabe, die auch 2 Illustrationen von Käthe Kollwitz (1867-1945) beinhaltet, ist sofort ein Erfolg.
Weitere Ausgaben
Bis Ende 1935 erscheint in Boekenvrienden Solidariteit monatlich ein broschierter Band in einer Auflage von 1.250 bis 2.500 Exemplaren. Eine Übersicht aus einem Werbeprospekt aus dem Jahr 1935 führt alle 23 Titel und die Autoren des Verlages Boekenvrienden Solidariteit auf.
Internationales Lob
Die Fachwelt in den Niederlanden und Belgien reagiert begeistert. Der Verlag schließt eine Lücke in der Volksbildung:
„Keine andere Volksbibliothek hat es bisher geschafft, so wichtige Werke der Weltliteratur zu so einem günstigen Preis nach Flandern und in die Niederlande zu bringen.“ (Belgischer Kritiker Guus van Hecke, Genter Tageszeitung Voor Allen, 1935)
Umbrüche und neue Wege: 1935-1936
Trennung von Martien Beversluis
Das Jahr 1935 ist für Hein Kohn von Gegensätzen geprägt. Privat feiert er die Geburt seines ersten Sohnes Richard Werner, doch beruflich ist es ein schwieriges Jahr. Sein Geschäfts-Partner Beversluis hat den Polizeikommissar beleidigt und kommunistische Propaganda verbreitet und wird vom Rundfunksender VARA entlassen. Da die Fremdenpolizei Kohn mit der Ausweisung nach Deutschland droht, muss Kohn die Zusammenarbeit mit Beversluis im Juni 1935 beenden.
Kurze Zusammenarbeit mit Jan Hilvers
Jan Hilvers (1886-1956), ehemaliger Direktor der Arbeitsvermittlung in Hengelo, wird Kohns neuer Geschäftspartner. Der Verkauf der Bücher des Verlages läuft schleppend. Mit Hilfe von Zuschüssen aus sozialistischen Hilfsfonds und Großbestellungen der Sozialistischen Partei Belgiens gelingt beiden die Fortführung. Leserwerbung, Lese- und Diskussionsabende werden eingeführt. Die geschäftliche Beziehung zwischen Hilvers und Kohn zerbricht noch 1935. Grund ist der Streit über die Kooperation mit dem Verlag De Tijdstrom. Kohn ist gegen die Zusammenarbeit. Am 17. Januar 1936 wird Hilvers aus dem Hilversumer Handelsregister gestrichen.
Zusammenarbeit mit Richard Bing seit 1935 - Gründung von De Boekenvriend
1935 kommt Kohn auch mit dem Österreicher Richard Bing in Kontakt, der als Vertreter für Van Ditmar's Importboekhandel arbeitet. Gemeinsam gründen Kohn und Bing 1935 die Versandbuchhandlung und das Antiquariat De Boekenvriend, die auch zu beider wirtschaftlichen Rückgrat werden. Auch der Verlag Boekenvrienden Solidariteit verdankt sein Bestehen der Quersubventionierung aus diesen Einnahmen.
Strategie - Propaganda für das verbotene Wort
Kohn und Bing kaufen günstig Restbestände deutscher Verlage, darunter auch jene Bücher, die das NS-Regine aus deutschen Lagern ins Ausland schleudert, um den Exilverlagen zu schaden. Ausgerechnet diese „NS-Schleuderware“, die sie an eine Scheinadresse liefern lassen, dient ihnen dazu die Niederlande mit der Literatur zu versorgen, die in Deutschland verboten und verbrannt wurde. Ihr Katalog besteht zuerst aus deutschsprachigen Titeln, darunter Bücher von Max Brod, Bert Brecht, Sigmund Freud, Heinrich Mann, Joseph Roth und Arnold Zweig. Später treten auch noch englische, russische und niederländische Titel hinzu, meist jedoch in deutscher Übersetzung.


