Tafel 8
Textversion der Tafel:
Hein Kohns Neuer ExilVerlag:
Het Nederlandsche Boekengilde (1936-1942)
Brechts Dreigroschenroman auf niederländisch(1939)
„Het Nederlandsche Boekengilde“: Brückenschlag zum niederiändischen Lesepublikum
Neuanfang und Professionalisierung (ab 1936)
Nach dem Ende von Boekenvrienden Solidariteit gründet Hein Kohn 1936 den Nachfolgeverlag Het Nederlandsche Boekengilde. Unter dem Namen von Theodora Sijbers, die als stille Teilhaberin fungiert, wird der Verlag im Handelsregister eingetragen. Kohn allein bestimmt das Programm. Er setzt jetzt auf hochwertige gebundene Bücher und übernimmt auch Lizenzen von niederländischen Verlagen. Koproduktionspartner werden der Exilverlag Querido, und die Verlagshäuser Van Ditmar und Meulenhoff.
Publikum - Literarisches Portfolio
Kohns Ausgaben sind für ein breites Publikum bestimmt: Werke mit politischem Hintergrund zu einem günstigen Preis. Sein Programm bleibt antifaschistisch und pazifistisch geprägt. Kohn gelingt es, ein beeindruckendes Spektrum bedeutender Autoren zuversammeln, Darunter: Bert Brecht, Joseph Conrad, Lion Feuchtwanger, Anatole France, Georg Hermann, Jef Last, Konrad Merz, Romain Rolland und Irving Stone.
Alleinstellungsmerkmale von Kohns Exilverlagen
Angesichts Kohns Veröffentlichungspolitik, Schriften und Bücher mit meist von den Nazis verbotener Literatur zu publizieren, zählen Boekenvrienden Solidariteit und Het Nederlandsche Boekengilde zu den wichtigsten Exilverlagen der 1930er Jahre. Im Gegensatz zur eher radikal-republikanischen und sozial-liberalen Ausrichtung der Amsterdamer Exilverlage Querido und Allert de Lange richtete sich das Programm von Kohns Verlagen auch an linke, gebildete Arbeiter und Intellektuelle. Querido und Allert de Lange veröffentlichten Bücher, die in Nazideutschland nicht mehr veröffentlicht werden konnten, im deutschen Original. Sie gaben exilierten Schriftstellern die Möglichkeit, in ihrer Muttersprache zu publizieren. Kohn verfolgte eine andere Strategie. In seinen Verlagen erschienen Texte und Bücher gezielt in niederländischer Übersetzung oder im niederländischem Original. Kohn wollte die niederländische Bevölkerung und die niederländische Leserschaft in Belgien und Luxemburg erreichen und über die Gefahren des Nationalsozialismus aufklären.
Idealismus gegen wirtschaftliche Not
Trotz steigender Einnahmen im Jahr 1938 blieb das Verlagsgeschäft für Kohn ohne Grundkapital und mit Auflagen bis 2.500 Stück finanziell prekär. Auch die Exilverlage Querido und Allert de Lange in Amsterdam, erzielten kaum Gewinne. Nur durch die Quersubventionierung aus den Gewinnen des Versandbuchhandels und Antiquariats De Boekenvriend konnte Kohn seinen Verlag aufrechterhalten. Politisch und wirtschaftlich wurde es Ende der 1930er für Kohn immer schwieriger.
1939: Ein Meilenstein: Brechts Dreigroschenroman auf Niederländisch
Brechts Dreigroschenroman – Erste Übersetzungen
Bertolt Brechts Dreigroschenroman erschien 1934 auf Deutsch zuerst im Exilverlag von Allert de Lange in Amsterdam. 1935 kam er auf Dänisch heraus, 1935 auf Deutsch in Moskau. 1937 erschien er auf Russisch und auf Englisch. Eine amerikanische Edition folgte 1938 in New York.
Het Nederlandsche Boekengilde, Nr. 51 – „Driestuiversroman“ von Brecht
Kohn, der Brechts Dreigroschenroman als einen „Höhepunkt der Weltliteratur“ erachtet, gelingt Im September 1939 zufällig ein besonderer Coup: Nahezu paralell zum Kriegsausbruch erscheint in Kohns Verlag Het Nederlandsche Boekengilde Brechts Dreigroschenroman erstmals in niederländischer Sprache.
Marketing - Cover, Klappentext und Zeitungsartikel
Um den Verkauf zu fördern, nutzt Kohn die enorme Popularität der Verfilmung der Dreigroschenoper (1931) von G.W. Pabst. Der Grafiker Geert W. Breughel (als Pseudonym Geert Brögel), ein Freund von Kohn, gestaltet das Cover in Anlehnung an das bekannte Filmplakat. Zeitungsartikel werben mit Porträts von Brecht und dem in den Niederlanden populären Schauspieler Ernst Busch der im Film die Hauptrolle spielte. Im Buch-Klappentext steht, dass die schattenhaften Unterwelt- gestalten Macky Messer, Peachum und Polly, die man aus dem Film Dreigroschenoper kenne, erst in Brechts „Dreigroschenroman“ ihre wahre Bedeutung erhalten. Brechts Roman wird als modernes Werk präsentiert, das eine scharfsinnige Analyse der Gesellschaft liefert, die Psychoanalyse und Ökonomie verbindet, ohne dabei die Brillianz der epischen Erzählform zu verlieren.
Übersetzung des Klappentextes:
Wo haben wir sie sonst gesehen? Woher kennen wir sie? Ungerechtigkeit, Dummheit und das Böse existieren bereits in unserer Zeit und werden in Brechts bildreichem Epos in die geschriebene Realität gegossen. Wenn dieses Buch mit einem klassischen verglichen werden soll, dann würde ich es mit „Gulliver“ von Jonathan Swift vergleichen. Obwohl Brechts Roman also mit einem klassischen Werk verglichen werden kann, ist er dennoch modern; modern im besten Sinne des Wortes, weil er in unserer Zeit geschrieben wurde. Der Autor ist den Dingen auf den Grund gegangen und hat sie offengelegt. Er hat das Wesen der Ökonomie bis ins kleinste Detail erforscht; er hat die Psychoanalyse ebenso durchdrungen wie die Ökonomie selbst. Und doch bleibt er der Erzähler, der brillante Kopf, der sich streng an die epische Form hält.“ (dt. Üb.))





