Tafel 9
Textversion der Tafel:
Besetzung der Niederlande durch das NS-Regime (1940-1945) – Kriegsjahre
1940–1945: In der Falle – Besatzung und Untergrund
Die Besetzung der Niederlande
Anfang Mai 1940 besetzt Hitler die neutralen Niederlande. Am 14. Mai ist im Radio zu hören, dass Holland kapituliert hat. Mit der Einsetzung des Österreichers Arthur Seyß-Inquart als Reichskommissar in Den Haag beginnt die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Ab Januar 1941 werden Menschen jüdischer Herkunft namentlich erfasst. und in Personalausweisen mit dem Stempel >J<. markiert. Ende Februar 1941 werden alle jüdischen Beamten entlassen. Am 12. Februar 1941 wird der „Jüdische Rat“ errichtet, eine Einrichtung der deutschen Besatzungsmacht. Der Jüdische Rat wird gezwungen, sich an der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu beteiligen.
Verbot und illegale Fortführung
Schon 1940 erhält Kohns Verlag Het Nederlandsche Boekengilde wegen seiner antifaschistischen Ausrichtung striktes Publikationsverbot. Kohn lässt sich nicht beirren. Bis zum Frühjahr 1942 veröffentlicht er illegal weitere Bücher. Um der Entdeckung zu entgehen, registriert er den Verlag und das Antiquariat und die Versandbuchhandlung De Boekenvriend auf den Nomen seines Freundes, den Grafiker G.W. Breughel. Ein Schild an seiner Haustür weist Kohn zudem als Vertreter der Schweizer Büchergilde Gutenberg aus, was ihn zunächst vor dem Zugriff schützt.
Verfolgung und Flucht
Kohn verweigert trotz Drohungen jede Registrierung beim Jüdischen Rat. Trotz einer anfänglichen behördlichen Verwechslung, die ihn (statt seiner Frau) im Pass als „arisch" führt, fliegt seine jüdische Herkunft nach einigen Monaten schließlich auf. 1942 wird Kohn bel einer Razzia verhaftet und zur Zwangsarbeit ins Lager Havelte deportiert. Nach drei Wochen gelingt ihm bei einem Freigang die Flucht. Er taucht zunächst auf seinem eigenen Dachboden unter und später im Haus seines Freundes Geert W. Breugel in s-Graveland.
Verlagsende - Rettung des Bestandes
Im Frühjahr 1942 wird der Verlag Het Nederlandsche Boekengilde endgültig liquidiert. Um eine Beschlagnahmung des Lagers (des Antiquariats und der Versandbuchhandlung) und die Verhaftung seiner Mitarbeiter zu verhindern, muss Kohns Frau versichern, dass er keinerlei literarische Arbeit mehr verrichtet. Kohn verbrennt die Firmenunterlagen, um seine Kontakte zu schützen.
Das Antiquariat und die Versandbuchhandlung De Boekenvriend überlebt:
In der Garage von Breughels Haus, in dem Kohn untergetaucht ist, führen Geert W. Breughel und Kohns Frau das Antiquariat und den Versandbuchhandel heimlich weiter. Trotz Krieg und Besatzung erscheinen bis 1945 Kataloge, und verbotene Bücher werden innerhalb Hollands verschickt. - ein stiller, aber stetiger Akt des geistigen Widerstands.
Widerstand und Befreiung: Das Wunder des Überlebens
Widerstand mit dem Untergrundverlag „Fleißige Biene"
Ab 1944 engagiert sich Hein Kohn im illegalen Verlag De Bezige Bij (Die fleißige Biene). Der Verlag, der aus dem Widerstand erwächst, wird von drei Studenten gegründet; Papier und Arbeit werden gespendet. In kleinsten Auflagen entstehen politische Schriften und bibliophile Drucke. Kohn reist unter Lebensgefahr durch die Niederlande, um diese Werke zu verkaufen. Die hohen Erlöse dienen einem humanitären Zweck: Sie finanzieren das Überleben jüdischer Kinder, Kranker und anderer Flüchtlinge.
September 1944 – Hinrichtung von Richard Bing
Kohns früherer Geschäftspartner Richard Bing (1901-1944) bezahlt den Widerstand mit dem Leben. Weil er illegale deutsche Klassiker und Nachdrucke verbreitete, wird er am 5. September 1944 im KZ Herzogenbusch erschossen. Die Nationalsozialisten haben von den illegalen Ausgaben und Übersetzungen erfahren, an denen er beteiligt war, darunter Herman Hesses Steppenwolf, Goethes Faust und der illegalen Nachdruck von Friedrich Gundolfs Anfänge der deutschen Geschichtsschreibung.
5. Mai 1945: Die Stunde der Freiheit
Als am Morgen des 5. Mai 1949 die niederländische Nationalhymne erklingt gehört Hein Kohn zu den wenigen, die den Terror überlebt haben. Trotz jüdischer Herkunft, Zwangsarbeit und illegaler Tätigkeit entkam er der Deportation. Warum er gerettet wurde, während allein aus Amsterdam weit über 100.000 Menschen ermordet wurden, bleibt eine quälende Frage des Schicksals.
„Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall... Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.“ (Bertolt Brecht, zitiert in Hochhuths Nekrolog auf Hein Kohn 1979)
Ein Versprechen wird eingelöst: Else Dormitzer: Theresienstädter Bilder
Kurz nach der Befreiung von dem NS-Regime 1945 kehrt die frührere Nürnberger Autorin Else Dormitzer (1877-1955), aus dem Ghetto Theresienstadt nach Hilversum zurück. Sie hat das Grauen überlebt und im Lager Gedichte verfasst, die sie ihren Mitgefangenen vorgelesen hatte. Ihr Versprechen, diese Zeugnisse zu veröffentlichen, erfüllt Hein Kohn sofort. Hein Kohn veranlasst, dass Theresienstädter Bilder noch im Herbst 1945 im Verlag De Boekenvriend erscheint. Das Buch hat Else Dormitzer den „Schicksalsgenossen von Theresienstadt“ gewidmet.






